Interview mit Dr. med. Claudia Levin – Homöopathie in der Palliativmedizin

In der neuen S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen Patienten wird der Homöopathie – erstmals! – ein Evidenzlevel  (2b) bescheinigt. Vor diesem Hintergrund berichtet unsere Kollegin und Delegierte des Bayerischen Ärztetages von ihrem Weg zur Palliativmedizin und in die Homöopathie. Mit ihrer langjährigen Erfahrung als Allgemeinärztin, Internistin, Palliativärztin und Homöopathin ist sie in besonderem Maße in der Lage, glaubwürdig und authentisch Zeugnis darüber abzulegen, was Homöopathie am Ende des Lebens kann und wo die Grenzen liegen.

Frau Dr. Levin ist Fachärztin für Innere Medizin und Allgemeinmedizin, Lehrbeauftragte an der TU München und seit über 25 Jahren palliativmedizinisch an Hospizen tätig. Sie ist Mitautorin von Büchern zur Palliativmedizin, in denen sie auch Homöopathie schreibt.
Berufspolitisch ist Dr. Levin aktiv und Delegierte der Bayerischen Landesärztekammer.

Bitte schildern Sie uns, wie Sie zur Palliativmedizin und zusätzlich zur Homöopathie gekommen sind

Als junge Ärztin mit vier Kindern gründete ich nach fünf Jahren Klinik eine Landarztpraxis. Dort kamen junge Mütter mit dem Wunsch auf mich zu, ich möge doch bitte fortführen, was sie bei ihren Hebammen erlebt hätten: die Homöopathie. Ich habe mich daraufhin mit dieser für mich damals noch unbekannten Therapiemethode beschäftigt, Arzneimittelbilder gelesen und gelernt und mich Schritt für Schritt in die Welt der Kügelchen eingearbeitet.

Die Palliativmedizin kam erst später dazu, als ich anfing, HIV-Patienten zu behandeln. In den 80er und Anfang der 90er Jahre gab es noch keine wirksame Therapie. Man konnte die Betroffenen als HIV-Behandler nur so gut es ging in ihren Leiden bis zum Schluss begleiten.

Haben Sie ein besonderes Erlebnis, das Ihnen die Homöopathie als hilfreiche Therapie näher gebracht hat?

Ja, wir hatten damals einen Diamantfasanen mit einer offenen Fraktur am Bein. Die Universitätstierklinik gab ihn uns nach längerer Behandlung mit dem Hinweis zurück, da sei nichts mehr zu machen. Ich habe es dann mit meinen noch eher bescheidenen homöopathischen Kenntnissen versucht, und das Tier wurde tatsächlich wieder gesund.

Stoßen Sie mit Ihren konventionellen palliativmedizinischen Optionen an Grenzen, und wenn ja: wo liegen diese?

Nach meiner Erfahrung liegen die Grenzen oft im emotional-mentalen Bereich: häufig haben Sterbende Angst vor Vergiftung, es bestehen Kontrollzwänge oder es fehlt das Vertrauen in die medizinischen Einrichtungen. Diese Barriere kann mit dem gezielten Einsatz einiger homöopathischer Arzneien oft überwunden werden. Die Arzneimittelbilder mancher „großer“ Mittel geben sehr klare Hinweise auf ihre Einsatzmöglichkeit. Zum Beispiel kann Arsenicum album die Angst so spürbar lindern, sodass die Menschen dann auch wieder für konventionelle Therapien offen sind. Oder: Unruhezustände mit Schreien, Schimpfen, Fluchen lassen sich oft erstaunlich gut mit Hyoscyamus dämpfen, vielleicht sogar besser und zumindest nebenwirkungsärmer als mit Neuroleptika, deren leitliniengerechter Einsatz z.B. bei Demenz oder Delir ohnehin eingeschränkt ist.

Wie kommt Ihr Einsatz von Homöopathika in den entsprechenden Einrichtungen an?

Ich habe erlebt, dass Mitarbeiter in Hospizen zunächst skeptisch reagierten. Sie dachten, ich wolle ohne Not zum Beispiel Opiate oder Sedativa einsparen. Überzeugend war dann, wenn zum Beispiel Patienten, die im Rahmen ihrer Amyotropher Lateralsklerose große Angst zu ersticken hatten und deshalb einen extremen Kontrollzwang und generelles Misstrauen gegenüber dem Pflegepersonal entwickelten, nach homöopathischen Mittelgaben zugänglicher und vertrauensvoller wurden, was natürlich die Arbeit mit ihnen enorm erleichterte.

Können Sie noch andere Beispiele für den Einsatz homöopathischer Arzneien nennen?

Atemnot ist in vielen Fällen ein in der Sterbephase starke Ängste auslösendes Symptom. Wenn man hier mit der klassischen Medikation aus Morphium und Sedativa keinen wirklichen Erfolg hat, kommt der Patient manchmal unter einem der klassischen homöopathischen Sterbemittel besser zur Ruhe.

Was möchten Sie jüngeren Kolleginnen und Kollegen mit auf den Weg geben, wenn sie sich für Palliativmedizin und Homöopathie interessieren?

Zunächst: Jeder Arzt und jede Ärztin ist zumindest für seinen Bekanntenkreis auch Experte für medizinische Not-Situationen. Das Lebensende mit schwerer Krankheit ist ein solcher medizinischer Notfall. Zum Glück kann die moderne Palliativmedizin hier wesentliche Erleichterung bringen. Man kann sie in den unterschiedlichsten Fortbildungsformaten erlernen. In Grundzügen sollte jeder Arzt, gleich welcher Fachrichtung er angehört, mit den Grundzügen der Palliativmedizin vertraut sein

Manche Menschen scheuen Nebenwirkungen von Medikamenten besonders. Dazu gehören selbstverständlich Schwangere und junge Eltern, aber auch Patienten mit chronischen oder onkologischen Erkrankungen. Hier ist es gut, wenn man alternativ oder ergänzend nebenwirkungsarme Methoden anbieten kann. In meiner ärztlichen Praxis waren das besonders Akupunktur und Homöopathie, aber auch Osteopathie, Aromatherapie oder Hypnotherapie nach Erickson.

Gibt es für Sie eine Art Credo hinsichtlich der Palliativmedizin?

Wie schon erwähnt bin ich überzeugt, dass jeder Arzt eine gewisses palliatives Grundwissen haben sollte. Der Grundstein dafür wird seit etlichen Jahren bereits im Studium gelegt.  Wesentlich für eine gelingende Hilfe bei sterbenden Patienten sind dann aber letztlich wirkliches menschliches Interesse, Respekt, Fachwissen und Wissen um die eigenen Grenzen.

Frau Dr. Levin, wir danken Ihnen sehr herzlich für Ihre Zeit und den Einblick in Ihren so wichtigen Bereich einer menschlichen Medizin!

Das Interview führte Dr. Ulf Riker, Vorsitzender des LV Bayern

2021-09-30T19:36:39+02:00
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