Projekt Beschreibung

Interview mit Dr. med. vet. Brigitte Hentschel, Tierärztin aus München

„Es ist unglaublich befriedigend, wenn ein „austherapiertes“ Tier doch wieder gesund wird“

Brigitte Hentschel ist praktische Tierärztin aus München mit der Zusatzbezeichnung Homöopathie. Aufgrund der zunehmenden Anzahl chronisch kranker und „austherapierter“ Tiere in der Tierarztpraxis suchte sie nach neuen Heilungswegen – und fand die Homöopathie.

  • Warum sind Sie Tierärztin geworden?

So lange ich denken kann, wollte ich nichts anderes als Tierärztin werden. Ich habe mein Ziel von Kindesbeinen an verfolgt – und erreicht. Für mich ist das einfach der richtige Beruf.

  • Warum haben Sie dann noch Homöopathie erlernt?

Ich habe mich der Homöopathie zugewandt, weil ich im Laufe meiner Tätigkeit als Tierärztin in Groß- und Kleintierpraxis immer häufiger mit Patienten konfrontiert wurde, denen ich trotz ordentlicher Diagnostik und Therapie nicht helfen konnte. Sie wollten einfach nicht gesund werden. Mit dieser Tatsache konnte ich mich nur sehr schwer abfinden. Deshalb suchte ich nach einem neuen Weg, um diesem Problem zu begegnen. Die Homöopathie ist für mich dieser Weg.

  • Mit welchen Erkrankungen kommen Patienten zu Ihnen?

In meine Kleintierpraxis kommen ausschließlich chronisch kranke Tiere. Ich behandle viele Katzen mit chronischer Niereninsuffizienz, Tiere mit chronischer Darmentzündung (IBD) oder chronischen Hautkrankheiten, aber auch schwere Epileptiker. Meist haben Patienten und ihre Besitzer bereits eine regelrechte Odyssee durch Tierarztpraxen und Tierkliniken hinter sich, bevor sie zu mir kommen. Viele dieser Tiere sind konventionell „austherapiert“ und stehen vor der Euthanasie – eine Stresssituation, auch für die Patientenbesitzer, die nicht selten mit den Nerven am Ende sind.

In der Großtierpraxis wende ich Homöopathie vor allem bei Tieren mit chronischen Mastitiden und Kälber mit Durchfall und Atemwegsproblematik an. Auch hier werde ich immer häufiger mit chronisch kranken und austherapierten Tieren konfrontiert. Die Landwirte haben ein großes Interesse an homöopathischen Behandlungen, weil diese für sie nicht mit Sperrfristen für Fleisch und Milch verbunden sind, sie also keine finanziellen Einbußen dadurch haben. Zudem gibt es im Alpenvorland einen immer größer werdenden Trend hin zur biologischen Landwirtschaft – in der laut EU- Bioverordnung die Tiere primär phytotherapeutisch oder homöopathisch behandelt werden sollen, bevor konventionelle Medikamente zum Einsatz kommen. Die meisten unserer Landwirte nehmen das sehr ernst.

  • Mit welchem Argument würden Sie einer Kollegin oder einem Kollegen raten, mit Homöopathie zu beginnen?

Die Tiermedizin hat in den letzten Jahrzehnten einen enormen Entwicklungssprung gemacht. Vor allem in der Diagnostik stehen wir den Humanmedizinern in nichts nach. Auch die Therapiemethoden haben sich entwickelt und können viel leisten. Aber die konventionelle Tiermedizin hat ihre Grenzen – vor allem in der Therapie chronisch kranker Tiere. Hier versagt sie nicht selten. Man kann diese Grenzen akzeptieren und aufgeben und die Patienten abschreiben. Oder man kann sich einen anderen Weg suchen und sehen, ob man nicht doch noch ein Stückchen weiterkommt. Ich kann nur allen meinen Berufskolleginnen und – kollegen raten, nicht aufzugeben und sich einen offenen Geist für Alternativen zu bewahren. Es ist unglaublich befriedigend, wenn ein „austherapiertes“ Tier gesund wird und doch noch weiterleben kann – und das nur, weil ich als Tierärztin in der Lage war, einen Blick über den Tellerrand zu werfen!